Sonntag, 2. März 2014

Töchter des Nordlichts

Titel: Töchter des Nordlichts
Reihe: Ja - Band 2 der - Norwegen - Buchreihe
(Problemlos zu verstehen ohne den Vorband zu kennen, da es sich um abgeschlossene Bände handelt.)
Sprache: Deutsch
Autor: Christine Kabus
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-404-16884-2
Preis: 8,99 $ (D) Softcover
7,49 $ (D) ebook
Seiten: 557
empfohlenes Alter: ab 16 Jahren
Erschienen: 14. Februar 2014

"Guoibmi" - Kamerad, flüsterte sie ihm seinen Namen ins Ohr und sang leise den Joik, den sie für ihn erfunden hatte, als ihr Vater im letzten Heumonat, in dem sie Geburtstag hatte, dasWollknäul in den Arm gedrückt hatte.

Oslo, 2011. Nora ist Mitte dreißig, als sie den Namen ihres Vaters erfährt: Ánok, ein samischer Student, der damals plötzlich aus dem Leben ihrer Mutter verschwand. Nora spürt, dass sie ihr Glück erst finden wird, wenn sie in die Heimat ihres Vaters reist. Doch die Sami und ihre Kultur erscheinen ihr lange fremd. Bis sie auf den charismatischen Hundezüchter Mielat trifft. Gemeinsam mit ihm begibt sie sich auf die Spur ihrer Vorfahren. Dabei stößt sie auf die Geschichte des samischen Mädchens Ailu, das vor fast hundert Jahren in der eisigen Finnmarkt lebte. Schon bald ahnt sie, dass Ailus ungeheuerliches Schicksal eng mit ihrer eigenen Familiengeschichte verknüpft ist.
Schon, wenn man es nur von weiten sieht, ist das Cover ein echter Hingucker.  Da wird ihm sein Foto einfach nicht gerecht. Das Nordlicht schillert richtig und gibt dem ganzen, gepaart mit der herrlichen Umgebung, etwas Wildes, etwas Mystisches. Da zudem im Buch die Landschaft oft eine entscheidende Rolle spielt, bekommt man einen tollen Eindruck, wie es dort au sehen mag.
Einfach herrlich!



Erster Satz - Eine Bewegung in ihrem Rücken, die sie mehr ahnte als sah, ließ sie innehalten.

Das besondere an diesem Buch war für mich, das gleich zwei Geschichten erzählt werden, die dennoch miteinander in Verbindung stehen. Und hält man die Augen offen, so sieht man die kleinen Spuren im norwegischen Schnee.

Ein Wind kam auf. Der Vogel begann zu zittern. Nora kniete sich neben ihn und murmelte beruhigend auf ihn ein. Der Wind wurde stärker und bauschte das Gefieder der Eule auf. Nora wollte ihre Arme um sie legen, um sie zu wärmen. Sie griff ins Leere. Da war kein Körper mehr, sondern eine Wolke aus Federn. Verzweifelt versuchte Nora, sie zusammenzuhalten. Eine kräftige Böe wirbelte sie durcheinander und trug sie mit sich fort.

Die eine Geschichte erzählt von der jungen Nora, welche als Erzieherin arbeitet und Kinder mit Sogenannten Migrationshintergrund betreut. Dabei stößt sie erneut auf die Frage ihrer Wurzeln und geht schlussendlich dem Gespräch mit ihrer Mutter nicht länger aus dem Weg. Endlich! Endlich erfährt sie, wer sein Vater ist und zusammen machen sich beide auf den Weg ihn zu suchen. Sie finden ihn auch, doch sie sind zu spät. Anok ist vor zwei Tagen gestorben. Genau zu der Zeit, an dem diese weiße Schneeeule in ihrem Traum erschien ...
  Zusammen mit ihrer neu entdeckten Familie blickt sie tief in die Kultur von Menschen, die sehr zu leiden hatten, und findet mehr als sich je erhofft hatte...

Als sie den Arm ausstreckte, um nach dem Laden zu greifen, fiel ihr Blick auf etwas Weißes in den Ästen des Birnbaums vor ihrem Fenster. Sie stutzte und verengte die Augen. Dort saß eine Schneeeule. Das konnte nicht sein! Ailu schüttelte den Kopf, schloss die Augen, riss sie wieder auf und starrte zu dem Baum. Der große Vogel war noch da. Er saß da und fixierte sie.

Die zweite Geschichte handelt von dem samischen Mädchen Ailu und ihrem Weg. Kurz, nachdem die schwarzen Männer sie von ihrer Familie entführten, erleidet sie viele Jahre in verschiedenen Waisenhäusern. Nur im Letzten findet sie im Knecht Jonte einen guten Freund und später in einem vorbeireisenden Professor und deren Frau eine neue Familie. Die Wut auf ihre eigenen Eltern war nie verraucht.
Warum hatten sie Ailu nie gesucht?
Dann dieser Brief?
Ailu ist sich sicher, sie wird keinen Blick mehr zurückwerfen, sondern ihnen den Rücken kehren, so wie sie es bei ihr getan hatten. Doch ist es eine weiße Schneeeule, die sie nach Jahren schlussendlich wieder zurückholt ...


Ich denke ohne diesen sehr eigenen Schreibstil währe dieses Buch schlussendlich nicht so geworden, wie es eben ist. In jeder anderen Mischung hätte die Landschaft vielleicht nicht so farbig beim Lesen Gestalt annehmen oder der Einblick in die samische Kultur wie ein trockener Geschichtstext wirken können. Doch die Autorin schafft es Wissen, Bilder und Schicksal zu einer wunderschönen fesselnden Mischung zu verweben, der man einfach verfällt und beim Lesen fast wehmütig aus dem Fenster schaut und fast schon hofft, genau wie Noa und Ailu, die Nordlichter tanzen zu sehen.


Ausgewogen, tiefsinnig und sympathisch. So begegneten mir die Charaktere aus Töchter des Nordlichts auf jeder Seite. Besonders ihre realistischen Züge, welche sich sowohl in Entscheidungen als auch in Taten widerspiegelten, nahmen sie für mich ein. Ich konnte Noras Zweifel bei Eaala und Milat genauso nachspüren, wie Ailus innere Zerrissenheit. Und genau so müssen Charakter sein. Mögen muss man sie nicht alle, aber sie müssen lebendig, echt, greifbar wirken. Christine Kabus hat genau das mit Bente, Noa und Co. geschafft.


In diesem Buch wird man nicht nur mit zwei Schicksalen konfrontiert, nein, man wird mit einem ganzen Land, einer ganzen Kultur konfrontiert. Man lernt eine Menge über die Sami, die Norweger, das ganze Land. Fiebert mit Ailu und Noa mit und erkennt erst zum Ende die wirkliche Tragweite ihrer verbundenen Schicksale. Aber auch die Nebencharaktere wirken groß auf alles ein und sind nicht nur unwichtige Randfiguren, die in manchen Büchern ja gerne mal wie plumpe Dekofiguren wirken. Zusammen mit der fabelhaften Landschaft, der man sich beim Lesen einfach nicht entziehen kann, fliegt man einfach nur so durch die Seiten. Der Drang wissen zu wollen wie es weiter geht ist unglaublich.
Zum Ende hin war ich dann an einer Szene leicht enttäuscht, da es mir schwerfiel zu verstehen wie Ailu einfach so von jetzt auf gleich einen Antrag von einem ihr doch Wildfremden annehmen konnte. Aber das klärte sich recht schnell auf. Immerhin ging es schon eine weile nicht mehr nur um sie ...

Und zudem ... Die Liebe kommt nach der Hochzeit.



Was das Cover von Töchter des Nordlichts verspricht, hält jedes Kapitel mühelos ein. Die Geschichte der beiden jungen Frauen, die doch durch hundert Jahre getrennt sind, fesseln einen einfach an jede Seite. Die abwechselnden Sichtweisen von Noa und Ailu liefen bei mir parralel ab. Die Wechsel machten mir keinerlei Probleme. Ganz im Gegenteil, ich freute mich darüber dann hier und da dinge zu entdeckten, die Noa nun in die Hände fielen und Ailu zuvor ebenso bestaunt hatte.
Es war wie eine Zeitreise, deren Ende gerade in Ailus Weg, der mich ehrlich gesagt mehr durch Kultur und Zeit gefesselt hatte, so unverhofft war.
Mühelos ergaunert sich Töchter des Nordlichts 6 von 6 möglichen Krümeltörtchen und ist meine Empfehlung für euch, die Romane lieben, in denen Kultur und Schicksal eine wichtige Rolle spielen.

1 Kommentar:

  1. Ich möchte mich ganz herzlich für diese wunderschöne Rezension bedanken, die schon rein optisch ein Genuss ist - und erst recht natürlich inhaltlich!
    Da fängt die Woche gleich mit einem Strahlen an, und das Schreiben geht leicht und beschwingt von der Hand :-)

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