Dienstag, 18. März 2014

Die Welt will betrogen sein

Titel: Die Welt will betrogen werden
Reihe: ?
Sprache: Deutsch
Autor: Hartmut W. H. Köhler
Verlag: bookshouse
ISBN: 978-9963-52-066-4
Preis: 14,99 $ (D) Taschenbuch
Seiten: 392
empfohlenes Alter: ab 16 Jahren
Erschienen: 31. Dezember 2013
"Was haben Sie mit meinem Lino gemacht?" Sie sprach ohne Akzent.
"Ihn niedergeschlagen!"
"Warum?"
"Weil er ein Beil hatte?"
"Das hatte er, um sich zu verteidigen. Weil Siehier eingebrochen sind, oder?"
"Vielleicht?"
Sommer 1967 
Privatdetektiv Sünder ist nur ein kleines Licht auf dem Hamburger Kiez. Er lebt fast von der Hand in den Mund, verdient sich seinen Lebensunterhalt mit Scheidungssachen und treibt sich auf St. Pauli herum. Doch dann bekommt er den lukrativen Auftrag, den Sohn eines Gutsbesitzers, einen Studenten, zu beschatten. Ein Leichtes, denkt er, nur hat es dieser Job in sich. Zuerst wird Sünder verprügelt, und kurze Zeit später wird der Student ermordet. Sünder gerät unter Verdacht und muss einen weiteren Mord beobachten. Die Ermittlungen, die er nun auf eigene Faust durchzieht, führen ihn durch Hamburg und schließlich in das geteilte und von Studentenunruhen aufgebrachte Berlin. Er entdeckt kriminelle und politische Drahtzieher und versucht, sie zu stellen. Doch inzwischen wartet an jeder Station seiner Recherchen jemand, der ihm nach dem Leben trachtet.
 
 Das Cover ist sehr düster gehalten. Man sieht einen Mann, der den Leser direkt und etwas verkniffen ansieht. Mit Hut und Pfeife entspricht er wohl genau dem Typ Detektiv, dem man sich gerne mal vorstellt. Das Gebäude im Hintergrund kann ich nicht einordnen. Fall es etwas typisch Hamburgermäßiges ist, kenn ich es nicht. Mein letzter Besuch der Stadt ist einfach schon zu lange her. (Allerdings gibt es da ein Fischrestaurant, an das ich mich sehr gut erinnere ;) )
Die Schriftart des Titels finde ich gut gewählt. Besonders mit dieser farblichen Hinterlegung.


Erster Satz - Die ganze Geschichte fing mit einem Besuch in meiner viertliebsten Stammkneipe an.

Privatdetektiv Sünder hat es nicht leicht auf dem Hamburger Kiz. Hier und da hält er sich mit kleineren Aufträgen über Wasser, nur um sich schließlich doch noch mit den eigenen Klienten herumzuschlagen, weil sie sein Gehalt kürzen. 
Da kommt der einfache Job den Sohn eines wohlhabenden Gutsbesitzers zu beschatten ja gerade recht. Ulrich ist nicht groß auffallend und auch sonst recht pflegeleicht. Wenn da nur nicht dieser seltsame Kerl währe, mit dem er sich getroffen hatte...Wirklich nur eine harmlose Studentenverbindung oder doch mehr?
Als der Junge dann kurz nach Ende des Auftrags erschossen aufgefunden wird, macht sich Sünder auf die Spur des Mörders und findet sich schneller zwischen Intrigen und gezogenen Kanonen wieder, als er sich versehen kann.


 Die Welt will betrogen werden wird aus der Sicht des Privatdetektivs Sünder erzählt, und führt uns tief ins Milieu des Hamburger Kiz um 1967. Der Stil ,direkt und Schnörkel, passt damit sowohl hervorragend in die Zeit, als auch zum Hauptcharakter Sünder. Besonders einige Begrifflichkeiten wie Koberer oder Käserundstück habe ich ja ins Herz geschlossen. Gerade das man selbst als jemand dem solche Worte fremd sind, wie mir :3, eine Erklärung bekommt, ohne dass eben viel erklärt wird - Ich hoffe man versteht mich :) - finde ich toll.


 Der Hauptcharakter Sünder ist für mich so ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bewundere ich seinen Starrsinn, eben nicht aufzugeben, sondern weiter zu forschen. Egal wie oft er auf die Nase fällt - oder wie oft auf ihn geschossen wird. Sein Spürsinn ist zwar dabei etwas eigentümlich, aber durchaus unterhaltsam.
Was mich an seiner Person gestört hatte, waren eher Kleinigkeiten. Zum Beispiel das Er einen Kumpel mal eben um 1000 Mark prellt, oder da verschwindet seine Freundin spurlos - wobei ich anhand einer Bitte das Sie reden, mussten ja immer noch davon ausgehe das Nadja ihm das Sagen wollte ^.^, - er glaubt sie wäre entführt worden von den Bestattern, schnappt sich aber gleich mal ein anderes Mädel. War das damals so, oder ist er in der Hinsicht einfach etwas fragwürdig? Besonders da die besagte Frau eigentlich zu seinem Auftraggeber gehörte ...
Die Nebencharaktere, welche Sünder im Verlauf der Story begegnet, überzeugen alle durch eine tolle Tiefe, ganz eigene Arten und so kleinen Macken, welche Charaktere einfach lebendig machen. 

 
Ein Buch, das um 1967 spielt.
Zu einer Zeit, als die Mauer noch stand, Zigaretten in Massen vernichtet wurden und Bier wohl zum Guten Ton gehörte. Schauplatz:
Die Hamburger Unterwelt.
Und eine Detektivgeschichte als Dessert
Wer hier beim Lesen denkt das es A) Nicht möglich, B) Einfach zu viel oder C) Sicherlich nicht authentisch und fesselnd rüber kommt, wahlweise sogar gleich jeden Punkt für sich einstreichen kann, der irrt sich hier gewaltig. Den dem Autor ist es hier auf sehr einzigartige Weise gelungen all diese Zutaten auf eine Weise zusammenzubringen, dass das Resultat ein wahrer Genuss ist. Dem Leser erschließt sich eine verworrene Unterwelt mit vielen Regeln und Gesetzen, die nicht wirklich benannt werden müssen, um klar zu sein. Orte und Charakter erwachen dabei zu Leben. 
Hier ist besonders der Ich-Charakter des Erzählers Sünder gut gewählt. Hautnah nimmt man an seinen Fluchten teil, schleicht sich mit ihm an Verdächtige heran und versucht das Rätsel um die Bestatter, seine verschwundene Freundin oder diesen und jenen Zusammenhang zu ergründen. Dabei wird dem Leser auch nicht gut platzierter trockener Humor nicht vorenthalten. Man muss über Sünder einfach schon schmunzeln, oder den Kopf schütteln, wenn man manchmal seine Handlungen verfolgt.
Ein winziger Punktabzug gibt es lediglich für einige Szenen, zum Beispiel die auf der Studentenpartie, die ich mir vielleicht etwas kürzer gewünscht hätte.



Mit einer verwirrenden Handlung, und einem sehr eigenen Charakter, hat sich dieses Buch schnell zu einem besonderen Leseerlebnis entwickelt. Die realistischen Orte, sowie die überzeugende Art der Darstellung zu Zeiten der Mauer haben mich überzeugt und gefesselt.


 So ergaunert sich Die Welt will betrogen werden mit Bravour 5 von 6 möglichen Krümeltörtchen. Eine absolute Empfehlung für Leser des gepflegten Krimis.


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