Samstag, 31. März 2018

Sag den Wölfen ich bin zuhause

Titel: Sag den Wölfen ich bin zuhause
englischer Titel:
Reihe: Nein - Einzelband
Sprache: Deutsch
Autor: Carol Rifka Brunt
Verlag: Eisele
 Genre: Roman
ISBN: 978-3-96161-007-5
Preis: 22,00 $ (D) Hardcover
Seiten: 448
empfohlenes Alter: ab 16 Jahren
Erschienen: 23. Februar 2018
     
"Klar, aber woher willst du wissen, dass die Bazillen von einem Kuss nicht durch deine Haut sickern? Wie kannst du dir sicher sein, dass sie nicht direkt durch deine offenen Poren in dein Blut schwimmen?" Ich konnte mir natürlich nicht sicher sein. Und ich wollte nicht sterben. Ich wollte nicht grau werden.
New York, 1987: Eigentlich gibt es nur einen Menschen, der June Elbus je verstanden hat, und das ist ihr Onkel Finn Weiss, ein berühmter Maler. Als Finn viel zu jung an einer Krankheit stirbt, deren Namen ihre Mutter kaum auszusprechen wagt, steht in Junes Leben kein Stein mehr auf dem anderen. Auf Finns Beerdigung bemerkt June einen scheuen jungen Mann, und ein paar Tage später bekommt sie ein Päckchen. Darin befindet sich die Teekanne aus Finns Apartment – und eine Nachricht von Toby, dem Fremden. Wer ist dieser Mann, der behauptet, Finn ebenso gut zu kennen wie June selbst? Zunächst ist June misstrauisch, doch dann beginnt sie sich heimlich mit Toby zu treffen, und sie erfährt, dass es gegen Trauer ein Heilmittel gibt: Freundschaft und Zusammenhalt.
Ich bin vermutlich nicht die einzige, die alleine am Titel dieses Buches hängen bleibt. Er schlägt etwas an in mir, auf das ich nicht so ganz den Finger legen konnte. Theorien formten sich über dessen Bedeutung, noch ehe ich überhaupt nur einen Satz vom Klappentext gelesen habe. Solche Gedankengänge los zutreffen schafft selten ein Buch alleine von der Wahl seines Titels. Oder des Covers. Es wirkt dunkel und gleichzeitig nicht bedrohlich. Wild und geborgen zugleich. Ein wunderschönes Cover und nun, nachdem ich das Buch beendet habe, bin ich mir sicher, dass es kein schöneres für dieses Buch hätte geben können. 
 
Bildergebnis für tell the wolves i'm home Bildergebnis für tell the wolves i'm home Bildergebnis für tell the wolves i'm home Bildergebnis für tell the wolves i'm home
Im englischen habe ich sogar 4 verschiedene Cover gefunden ohne groß suchen zu müssen. Sie haben alle etwas, auch wenn ich nicht verstehe, wieso beim zweiten ein Bär darauf ist, wenn es doch June´s Wölfe sind die, wenn dann eine Rolle einnehmen.
Erster Satz - Meine Schwester Greta und ich saßen an diesem Nachmittag Modell für ein Gemälde, das mein Onkel Finn von uns anfertigte, weil er wusst, dass er bald sterben würde.

 Nachdem Junes Onkel Finn gestorben ist, fällt das Mädchen in ein tiefes Loch. Ihr einziger Trost ist das letzte Bild,d as er von ihr und ihrer Schwester Greta gemalt hatte. Doch dann schleicht sich Tobi in ihr leben. Finns "Spezieller Freund" - wie ihre Mutter abschätzig sagt - sucht den Kontakt zu ihr denn er weiß, dass nur sie alleine Finn so sehr geliebt hat wie er selbst. Doch zwischen des aufkeimenden Vertrauens liegt ein Schatten. Ihre Eltern sagen das Tobi Finn umgebracht hat, indem er ihn mit AIDS angesteckt hat. Die Krankheit scheint überall und June schwenkt zwischen Hass und den drang jemanden zu haben, der mit ihr über Finn redet hin und her. Doch nichts ist so, wie es scheint und bald erkennt June die ganze Wahrheit über Finn, ihre Mutter und den ganzen Rest. Und dabei weiß sie, das Tobi nicht für immer an ihrer Seite bleiben wird. Auch er wird bald gehen müssen. Genauso wie Finn.

 Dieses Buch ist nicht laut. Es ist leise und Stil und so voller Gefühl, das ich mitgerissen wurde. Zwischen Tränen, Wut, Abneigung und richtigem Hass, dann wieder Verständnis und liebe hin- und hergerissen wurde. Es gab Kapitel, die ich voller Wut gelesen habe. Dann wieder welche mit Tränen in den Augen.
Diese Nähe an Gefühl, diese Echtheit ist großartig. Wir erleben die Geschichte aus Junes Sicht, einem 14-jährigen Mädchen, das so unglaublich echt ist, das man sich einfach in ihr wiedererkennt. Sie ist genau in dem Alter, in dem man auch das von den Eltern gesagt in Zweifel ziehen kann. Ein wenig rebelliert und so auch Dinge erfährt und eine Entscheidung trifft.
Und genau das tut June. Mal läuft es schief und mal bewundere ich sie einfach. Dazu ein Stil, der gefangen nimmt und neben der Familiengeschichte auch Ausgrenzung thematisiert.

Auf der Heimfahrt fragte ich Greta, ob sie glaube, dass man sich über die Haare mit AIDS anstecken können. Sie zuckte mit den Achseln, drehte sich weg und starrte für den Rest der Fahrt aus dem Fenster.

 Liest man den Klappentext, glaubt man schnell zu wissen welche Rolle die einzelnen Personen einnehmen werden. Doch das ist ein Fehler, das merkt man schon sehr früh. Denn sie sprengen ihre Rollen und wechseln in ihnen. Zeigen Geheimnisse auf die sie in einem anderen Licht rücken und das eine oder andere mal trotz Abneigung auch Verständnis für sich abtrotzen.
Da haben wir June. Sie ist die jüngste der Schwester und besitzt viel Fantasy, hängt ihr Herz an Dinge und legt nicht unbedingt viel wert auf Partys und dergleichen. Sie ist durchschnittlich und bekommt das gerne einmal von den Eltern zu spüren, die ihre Schwester oft übervorteilen. Scheinbar sogar ohne es wirklich zu merken. Doch dafür besitzt June einen sehr wachen Geist. Sie trifft eigene Entscheidungen und plappert nicht alles nach. Manches davon läuft ziemlich schief.
Dann ihre Schwester Greta, die eine Klasse übersprungen wurde und von allen fast schon als Erwachsene wahrgenommen wird. In dem Drang sich, dem anzupassen verhält sie sich oft anders als sie will und man merkt, das sie damit gar nicht zurechtkommt. Dass hinter der ruhigen, bissigen Fassade sehr viel Verletzlichkeit liegt.
Oder Tobi, denn alle Hassen und für Finns Mörder halten, ohne jemals nach seiner Sicht der Dinge zu fragen. Ohne überhaupt sich einmal nur nach ihm umzudrehen. Denn er ist mir so unglaublich ans Herz gewachsen. Genauso wie Finn, denn man durch die Erinnerungen von June und Tobi so wahnsinnig lieb gewinnt und mit trauert, das man nicht die Zeit hatte ihn wahrlich kennenzulernen.

Und die Eltern, zu denen ich bald eine enorme Abneigung empfand. Denn steht man am Ende des Buches versteht man plötzlich so viel. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Selten hat mich ein Buch so sehr zum Nachdenken gebracht. Über Charaktere, ihre Beweggründe und ihr Leben. Aber auch um die allgemeine Situation. Denn das Buch spielte zu einer Zeit, in der man im Grunde nichts über AIDS wusste. Die Erkrankten wurden wie Aussätzige behandelt und das Unwissen machte ihnen ihr Leben zur Hölle. Dazu kommen Vorurteile wie zum Beispiel das alle erkrankten Schule sind und in Lederklamotten in gruseligen Bars abhängen. Doch dieses Bild was die Erwachsenen pflegen, passt in Junes Augen weder zu Tobi noch zu ihrem Onkel Finn. Es ist für sie der erste Zweifel der diese Geschichte begleitet, wächst und sich zu etwas ganz besonderem entwickelt.
Und auch Grete, die ich 95 % des Buches richtig gehasst habe - starkes Wort ich weiß, aber dieses Mädchen war im Grunde regelrecht bösartig! - verstand ich am Ende fast. Für mich sind die Eltern an vielem Schuld und ich bin froh, dass eine meiner Kolleginnen das Buch ebenfalls gelesen hat. Denn für das braucht man deffinit jemanden, mit dem man darüber diskutieren kann. Sonst wird man selber noch ganz verrückt.
 
Dieses Buch beginnt leise und entwickelt einen Zug, dem man sich nicht entziehen kann. Die Nähe und Echtheit der Gefühle raubt einen den Atem. Man erkennt sich selber in June wieder, hofft, lacht und weint mit ihr. 
Ein großartiges Buch, das man gelesen haben muss.
 6 von 6 Krümeltörtchen für dieses großartige Stück Literatur.


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