Mittwoch, 4. April 2018

Beim Morden bitte langsam vorgehen

Titel: Beim Morden bitte langsam vorgehen
schwedischer Titel:  Blybröllop
Reihe: Nein - Einzelband
Sprache: Deutsch
Autor: Sara Paborn
Verlag: DVA
 Genre: Roman
ISBN: 978-3-421-04802-8
Preis: 18,00 $ (D) Hardcover
Seiten: 272
empfohlenes Alter: ab 17 Jahren
Erschienen: 16. April 2018
     

Aus reiner Genervtheit rührte ich zwei Teelöffel Bleizucker in den Philadelphiakäse, bevor ich ihn aufs Brit schmierte. Mit dem Zusatz war er sogar einfacher zu verstreichen. Obendrauf legte ich ein paar Schreiben Schinken und ein Petersilienzweiglein.

Endlich Witwe - eine giftige Komödie!

Die Leute leben einfach zu lange. Und die wenigsten haben das verdient. Horst jedenfalls nicht. Nach 39 Ehejahren voller Sticheleien hat Irene endgültig genug von ihrem Mann. Als sie eines Tages in einer alten Schachtel Vorhang-Bleibänder findet, kommt ihr die beste Idee ihres Lebens: Aus der immer so netten Bibliothekarin wird eine gerissene Hobbychemikerin, die ihre bisher von Braten- und Kuchenduft erfüllte Küche in ein Labor verwandelt. Dort bereitet sie Bleizucker zu. Geduldig rührt sie ihrem Mann täglich ein Löffelchen in den Kaffee. Bei den wirklich wichtigen Dingen muss man langsam vorgehen ...
  Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht warum ich an diesem Buch so hängen geblieben bin. Das Cover entspricht eher nicht meinem typischen "Beutetrieb" und auch der Titel ist nun auch nicht unbedingt ein Reißer. Zumindest, wenn man den Zusammenhang nicht kennt. Hat man jedoch den Klappentext dazu gelesen, sieht das ganze schon ganz anders aus. Es wird rund. Und genau soweit hat mich das Buch gebracht und ich wusste, das musst du lesen.

Das schwedische Cover finde ich persönlich interessanter. Dieses alte Bild mit den Formeln ist eine nette Spielerei. Ob sie aber auf dem Markt bestehen würde so, kann man schlecht sagen. Der schwedische Titel würde übersetzt übrigens "Gute Besserung" bedeuten. Großartig.
Erster Satz - Nein, es war schon am besten so, wie es passiert ist, auch für ihn selbst.

Irene ist fast 60. Bibliothekarin und eher weniger als mehr glücklich verheiratet. Aber bei Horst soll ihr das mal jemand vormachen, wie man da glücklich sein kann. Doch bislang hat Irene alles geduldig ertragen. Bis, ja bis zu dem schicksalhaften Tag, an dem Horst es gewagt hatte, ihre Bücher zur Müllverbrennung zu bringen. Damit riss ihr gut gepflegter Geduldsfaden. Ein Zufallsfund, ein kleiner Eintrag in einem alten Lexikon war alles, was die Idee in ihr wachsen ließ. Sie würde Horst umbringen. Ganz geduldig und mit Stil. Und weil die Bücher ihre besten Freunde waren, gaben sie geduldig alles preis, was Irene dazu brauchte.
 Ich habe selten ein Buch erlebt, das so gekonnt schwarzen Humor mit einer kritischen Betrachtung der Gesellschaft vereint. Doch genau das tut Sara Paborn hier. Mit gekonnt gesetzten, nüchternen Sätzen, die es eben nicht darauf anlegen in diese "HAHA-Lustig"-Schublade gestopft zu werden, hat sie mich so oft zum Grinsen gebracht, nur um mich dann gleichzeitig über Dinge nachdenken zu lassen. Denn Irene, als ältere Protagonistin, hat viel erlebt und gesehen und diese Erfahrung teilt sie den Leser mit. So erzählt sie von ihrer Erziehung, die eben so war das sie sich dem Mann stets unterordnen sollte. Denn er wäre ja wichtiger als sie. Sie erzählt von begrabenen Träumen, Hoffnungen und Ernüchterung. Darüber das ihre Ehe ein krieg darum war, sich nicht auch selber zu verlieren und dem inneren Drang sich anzufassen und so ein gemütliches Leben zu führen wie alle anderen.
Man könnte vielleicht behaupten, dass es nicht nötig gewesen sei, ihn umzubringen, aber in diesem Punkt muss ich widersprechen. Die Leute leben gerne zu lange. Aber nicht zu ihrem Besten. Nehmen Sie doch mal Horst. Was hatte der eigentlich für Freude an seinen letzten fünfzehn Jahren? Er war nie auf irgendetwas neugierig. Er stöhnte, statt zu atmen. Ein konstantes misslauniges Seufzen, das dem Haus innerhalb einer Minute jedes bisschen Sauerstoff entziehen konnte. Im Übrigen ist es schwierig, einen Menschen zu töten. Die meisten sind verdammt zäh. 
Dabei ist sie schonungslos ehrlich und sehr oft habe ich Dinge wiedererkannt. Sei es, weil sich die Umgebung über jemanden das Maul zerreißen muss, weil die Beziehung eben nicht so lang funktioniert hat, oder weil man eben sich auch einmal etwas teurere für sich selber kauft.Sich etwas gönnt, ohne sich erst hintanzustellen.
Dabei ist alleine die Sprache dieses Buchs ein Gedicht. ♥ 
Man muss Irene einfach ins Herz schließen. Und das, obwohl sie ihren Mann langsam vergiftet und die Dosen auch mal erhöht, wenn er ihr besonders auf die Nerven geht. Trotzdem mochte ich sie und habe ihr die Daumen gedrückt. Das zu schreiben ist wohl wirklich etwas skurrile. Aber sobald ihr etwas über sie erfahrt, könnt ihr euch vermutlich auch nicht mehr dagegen wehren. Irene ist ein gefangener Freigeist der von Horst und seinen sturen Ansichten, seiner scharfen Zunge und seinen bissigkeiten klein gehalten wird. Dazu beiträgt natürlich ihre Erziehung, laut der sie eine gute Hausfrau und Mutter sein soll und ihre Träume klein halten soll. So ist Irene aber nicht. Sie ist wissbegierig und freiheitsliebend. Wahnsinnig kreativ und kämpfte fast ihr ganzes Leben gegen ihr wahres ich an, damit niemand über sie die Nase rümpfen konnte. Dies ändert sich langsam mit ihrem Vorsatz Horst ins Grab zu bringen.

Horst selber bedauerte ich nicht wirklich. Ständig stichelte er mit Irene, warf gut gestreute Steine nach ihr. Hielt sie klein, nur damit er sich groß fühlte und gönnte ihr im Grunde nichts. Denn alles das er für Mist hielt, ist Mist. Eine andere Meinung akzeptieren kam ihm gar nicht in den Sinn. Doch auch er macht im verlauf des Buches eine kleine Wandlung durch.

 Ich bin ganz verliebt in dieses Buch, das weder dem typischen Weg folgt, noch überhaupt eine typische Geschichte erzählt. Es ist besonders, anders, mal ganz eigen. Der schwarze, nüchternen Humor traf genau meinen Geschmack. Auch den Weg den Irene nimmt und langsam - wenn auch auf ungewöhnliche Art und Weise - aus ihrem Leben ausbricht, fand ich interessant. Sie ist eine sehr vielschichtige Person, das es Spaß macht von Vergangenheit in Gegenwart und Zukunft zu springen und so ein ganzes Leben anhand von Schlüsselmomenten erzählt zu bekommen. Abgerundet durch Auszüge aus Lexikons und Zitaten.
Vieles davon kann man spielend auf die heutige Gesellschaft übertragen. Da haben wir einmal die Ehen, die nur noch geführt werden damit niemand sagt wie "Wusste ich es doch, dass das nicht lange gutgeht" oder jene, die sich verbiegen, um irgendwie in ihre Beziehung zu passen. Wir haben die, die sich klein machen lassen. Und das es Frauen und Männern gleichermaßen so gehen kann. 
Dieses Buch hat viel. Und ich bin mir sicher, würde man es nochmal lesen, würde mir noch viel mehr in die Augen springen. Schon so ist es zu viel um hier bis ins Detail zu gehen. Ich bin jedenfalls froh, dass es mich zu sich gelockt hat.
Hinter der eher unscheinbaren Fassade dieses Buches versteckt sich eine ganz besondere Geschichte. Sie ist makaber, anders und großartig zugleich. Lasst euch also nicht davon abschrecken, dass ihr eine Mörderin bei der Arbeit zuschaut und sie einfach ins Herz schließt dabei.
 6 von 6 Krümeltörtchen das einem nicht nur eine "gesunde" Menge Chemie mit auf den Weg gibt, sondern auch so einiges mehr.

PS. In Schwedisch kann das Wort "gift" sowohl für Gift als auch für verheiratet stehen. 😂😂Ich hoffe, dass ist kein Richtwert dafür wie viele Ehen mit Nachhilfe enden.

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